Freitag, 12. Januar 2018

Wow-Bilder

Als ich letztes Jahr in einem Einsteigerkurs fragte, wer seine Bilder nachträglich bearbeiten wolle, antworteten neun von zehn Teilnehmern ganz klar mit Nein. Ich war überrascht, ja sogar erfreut, weil ich zuerst dachte: Klasse, jetzt können wir uns voll aufs Fotografieren konzentrieren.

Der Irrtum klärte sich bei der ersten Bildbesprechung auf: Fast alle Teilnehmer gingen davon aus, dass sie vor allem lernen mussten, wie man die Kamera richtig einstellt, dann würden alsbald die Wow-Bilder herauskommen, die man von der Google Bildsuche oder aus Wettbewerben kennt. Für mich war es ein Aha-Erlebnis, denn ich war davon ausgegangen, dass die meisten Leute eigentlich wissen müssten, wie stark Photoshop, Lightroom & Co. an der heutigen Bildästhetik beteiligt sind.

Links RAW, rechts das fertige Bild nach der Lightroom-Entwicklung.


Dass noch viele andere Rahmenbedingungen erfüllt sein müssen, damit man ein "Wow-Bild" fotografieren kann, ist der vielleicht ernüchterndste Teil beim Fotografierenlernen. Die Kameraeinstellungen sind eben nur eines von vielen Elementen im fotografischen Gestaltungsprozess.

Mein erstes Buch hieß "Rezepte für bessere Fotos". Mir gefällt die Analogie immer noch ganz gut: Wie in der Küche gibt es auch beim Fotografieren ein paar Grundwerkzeuge und Grundrezepte. Auf dieser Basis kann man viele Standardgerichte zubereiten. Man sammelt Erfahrungen, probiert etwas Neues aus und mit zunehmender Erfahrung wird das Ganze nicht nur professionell, sondern auch kreativ. Ob Pasta oder Foto: Man braucht zuallererst eine Idee. Schon wieder Spaghetti?! Warum nicht - her mit dem Eisbecher!

Ich wette, Sie haben vor Ihrem inneren Auge gerade kein Eis gesehen, sondern zuerst die typischen, dünnen Nudeln. So funktioniert unser Gehirn. Es zeigt uns das, was wir im Alltag am häufigsten sehen. Kreativität bedeutet: um die Ecke denken, sich nicht mit der ersten Option zufriedengeben. Es bedeutet auch: Dinge tun, die andere nicht tun würden.

Trotz aller Kochsendungen im TV: Die Realität in der Küche sieht eher so aus, dass sich die meisten Leute mit Fertigprodukten versorgen, die zu viel Zucker, Salz, Fett und Geschmacksverstärker enthalten. Auch in Kantinen und Restaurants gibt es überwiegend Convenience Food. Wer danach naturbelassenes Essen serviert bekommt, findet es oft total fad. Übertragen auf die Fotografie könnte man sagen: Wenn wir ausschließlich überbunte und überschärfte Bilder sehen, dann fängt unser Gehirn an, diese Ästhetik für den Normalzustand zu halten. 

Und natürlich wundert man sich als Einsteiger, wenn die eigene Kamera keine so bunten und schillernden Bilder liefert wie die Google-Suche.


Schnell und einfach soll es sein 
Der neueste Küchentrend heißt "Kochbox", in der man alle erforderlichen Zutaten in der richtigen Menge vorfindet. Dieses geniale Produkt beschleunigt den ganzen Prozess des Kochens, der mit dem Nachdenken darüber beginnt, was man eigentlich kochen könnte. An die Stelle eines  Ideenfindungsprozesses tritt ein schneller, oft spontaner Kauf- oder Bestellvorgang.
So eine "Kochbox" erspart dem gestressten Menschen auch die lange Suche in diversen Supermarktabteilungen. Was auf der einen Seite sehr angenehm ist, führt leider dazu, dass wir das kreative Denken outsourcen. Profis und Kreativteams schlagen uns leckere Rezepte vor, und wir stehen gut da, wenn wir die Freunde oder den Partner bekochen. Kommt das Gericht nicht gut an, dann kaufen wir es nicht mehr.

Beim Fotografieren passiert oft etwas Ähnliches: Wir haben viele tolle Bilder gesehen und wollen selber tolle Bilder fotografieren. Sobald wir eine ähnliche Szene vor uns haben, erinnern wir uns an das Vorbildmotiv (Spaghetti!) und wir fangen es mit der Kamera ein. Wenn anschließend auch noch gutes Feedback zu diesem Bild kommt, entsteht eine neue Gewohnheit, eine sich selbst verstärkende Wiederholungsschleife. Wir verfallen in ein Muster. Wenn kein gutes oder gar kein Feedback kommt, entsteht der Eindruck wir wären auf dem falschen Weg - also lieber wieder zurück zu den Motiven, von denen wir wissen, dass sie funktionieren? 

Kreativ sein heißt: Gewohnheiten durchbrechen

Bei der Einordnung in Gut oder Schlecht orientieren uns oft (unbewusst) an dem, was uns andere Leute vorleben oder erzählen. Wer sich immer im gleichen Dunstkreis aufhält, bekommt immer ähnliche Informationen. Die sozialen Medien, Amazon und Google verstärken diesen Effekt. Das bezeichnet man neuerdings als "Filterblase".

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Wer fotografieren lernen will, muss sich eine Zeitlang an den Fotos von anderen orientieren und die Grundrezepte abarbeiten. Dabei trainiert man die handwerklichen Fähigkeiten und man kann die eigenen Ergebnisse sehr gut mit denen anderer Fotografen vergleichen. Wenn man es geschafft hat, und die ersten tollen Bilder präsentiert, entsteht ein unvergleichliches Hochgefühl. Davon bitte gerne mehr - und bald wird man regelmäßig Wow-Fotos fotografieren.


Man kann die Kamera im Schlaf bedienen und weiß in jeder Lebenslage, was zu tun ist, um ein gutes Bild zu machen. Das Hochgefühl weicht der Selbstverständlichkeit. Irgendwann gesellt sich die Langeweile hinzu. Was früher unglaublich viel Spaß gemacht hat, weicht einem merkwürdigen Gefühl, dass irgendetwas nicht mehr stimmt, und das ist irritierend.

Es gibt wieder Spaghetti, aber diesmal in Blau mit Tintenfisch? Was hat denn der Kollege Schuhbeck auf der Speisekarte? Currywurst? Das hab ich doch vor zwanzig Jahren schon gemacht! Und was macht der Kollege Lichter? Bares für Rares? Mit dem Motorrad durch Norwegen?  Ein Buch mit dem Titel "Keine Zeit für Arschlöcher - Hör auf dein Herz"... Was soll denn der Quatsch, der hat ja völlig abgedreht! Der hätte mal weiter kochen sollen, oder etwa nicht?

Nein, Horst Lichter hat es genau richtig gemacht. Neues kann man leichter entdecken, wenn man das Alte ganz oder schrittweise loslässt. Am schwierigsten ist das für erfolgreiche Wettbewerbsfotografen und für Profis, die einen festen Kundenstamm haben. FotografIn X wird gebucht, weil er/sie eben genau diese Fotos macht, die dem Kunden so gut gefallen. Darum sind Veränderungen in einem gut laufenden Business immer ein Risiko. Sie sind aber auch eine Chance: Es kann alles noch viel besser werden, oder man wird einfach glücklicher damit.

Der Mann, der 1969 das Spaghetti-Eis erfunden hat, heißt Dario Fontanella. Er berichtet, dass es in der Anfangszeit der Eisspezialität öfter zu Tränenausbrüchen bei Kindern gekommen sei, die einen Eisbecher wollten und keine Nudeln mit Tomatensauce. Gut, dass er das Rezept trotzdem nicht von der Speisekarte genommen hat. 2014 wurde ihm der Bloomaulorden verliehen, die höchste bürgerschaftliche Auszeichnung Mannheims.

Und wenn Sie jetzt noch ein bisschen weiter über den Tellerrand schauen wollen, und kreative Ideen für Ihre Fotos suchen, wie wäre es mit folgender Übung:

"Kümmere dich nicht um die Erwartungen anderer - leg einfach los."

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