Montag, 23. Oktober 2017

Für die einen ist es schlechtes Wetter - für andere pures Glück


Ein ganz besonderer Moment war meine Testwanderung auf Rügen, zehn Kilometer durch den Nationalpark. Eigentlich wollte ich eine gute Fotoroute für den Kurs auskundschaften und wissen, wie gut man die Kreidefelsen von oben sehen kann, aber daraus wurde nichts: Es herrschte dichter Nebel.




Für Fotos im Wald ist das nicht die schlechteste Situation, aber auf den Wegen war es dunkel, an einigen Stellen beinahe düster. Weil ich mich beeilen musste, um die ganze Strecke ablaufen zu können, habe ich nur aus der Hand fotografiert, folglich auch mit höheren ISO-Werten. Schon bei den ersten Bildern bemerkte ich, dass die ISO-Automatik ständig auf ISO 3200 sprang. Dazu der Nebel, also doppeltes Bildrauschen? Nein danke, das ist sogar mir zu riskant.

Ich entschied mich für ein ISO-Limit von ISO 800 und somit war klar,  dass nun hohe Verwacklungsgefahr bestand, und dass ich mich echt konzentrieren musste, um die Kamera ruhig zu halten. Wo es nichts zu fotografieren gibt, darf flott gewandert werden. Immer, wenn ich etwas länger zum Fotografieren brauchte, erinnerte mich meine Wander-App daran, dass noch ein Stück des Wegs vor mir lag.

 
Atemtechnik beim Auslösen - da machen wir vielleicht mal einen Kurs in München, inklusive Fitness-Abzeichen ;-)

Vor dem kleinen Aussichtspunkt, der sogenannten "Viktoriasicht" musste ich eine ganze Weile warten, bis eine Frau mit ihrer Spiegelreflexkamera mit dem Fotografieren fertig war. Ich weiß nicht, was sie dort im dichten Nebel alles gesehen hat. Als ich den kleinen Steg endlich betreten konnte, war für mich außer trübem Grau nicht viel zu erkennen.




Vielleicht hätte ich die Dame fragen sollen, ob ich mal einen Blick auf ihre Bilder werfen könnte. Womöglich hätte ich noch etwas lernen können, wenn ich die Felsen mit ihren Augen gesehen hätte?
Für mich gab es ein anderes Motiv, das die vor Ort erlebte Szene am besten beschreibt.



Nach insgesamt sechs Stunden waren zahllose "Bäume im Nebel" auf der Speicherkarte. Noch während des Fotografierens hatte ich mich denken hören: Oh, das wird bestimmt langweilig, ich werde die Hälfte der Bilder löschen, weil meine Begeisterung mit mir durchgegangen ist, und weil wahrscheinlich alles gleich aussieht. Die Überraschung stellte sich letzte Woche ein, als ich die Bilder zum ersten Mal in Ruhe auf meinem großen Monitor anschaute. Jeder Abschnitt des langen Weges war anders, und auf den Fotos konnte ich die Unterschiede deutlich sehen. Es gab fast keine verwackelten Bilder und eines der Motive hängt inzwischen als Leinwanddruck im Wohnzimmer. Daneben liegt eine Bilderbox mit fünfzig verschiedenen gedruckten Waldmotiven. So etwas mache ich ausgesprochen selten.

12 Uhr mittags: Es war wirklich so dunkel wie auf diesem Bild.

Die Kreidefelsen waren ein paar Tage später auch noch dran, aber der Wald war das intensivere Erlebnis. Warum? Das Wetter passte an diesem Tag einfach optimal zum Motiv. Wenn ich, wie die vielen anderen Touristen, nur mit dem Ziel losgerannt wäre, diese Sehenswürdigkeit zu fotografieren, dann hätte ich eine Menge interessanter Motive auf dem Weg dorthin verpasst. Es ist zwar richtig, dass man als Fotograf eine Idee haben sollte, was man fotografieren möchte, und wie das Bild aussehen soll, aber wenn man sich dabei zu enge Grenzen steckt, setzt man sich Scheuklappen auf und wird zum "Auftragsfotografen". Damit man das Bild aus dem Kopf so nachfotografieren kann, wie man es gesehen hat, braucht man exakt die Bedingungen, die geherrscht haben, als die Bildvorlage entstanden ist. Meine Erfahrung: das klappt nicht. Ich habe es ein paar Mal mit Motiven versucht, die ich selbst schon fotografiert hatte, aber jedes Mal ist irgendetwas anders. Natürlich kann man so ungefähr das nachfotografieren, was andere vorgelegt haben. Das ist nicht besonders kreativ, aber eine gute handwerkliche Übung.

Für mich besteht die Kunst des Fotografierens darin, sich auf den jeweiligen Moment und die jeweilige Situation einzulassen, und das jeweils Beste daraus zu machen. Vor allem aber lasse ich mich gerne von dem überraschen, was scheinbar zufällig passiert. So hat mir der dichte Nebel nicht nur schöne Fotos sondern auch einige Momente innerer Klarheit beschert. Das Bild im Wohnzimmer erinnert mich jeden Tag daran. Ist es nun ein Erinnerungsbild oder ein Postkartenmotiv? Im Idealfall ist es beides.


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