Montag, 12. Juni 2017

Grüße aus "Down Under"

In meinem Freundeskreis gibt es Wegbegleiter, die ich sehr schätze. Manche von ihnen kenne ich schon sehr lange. Uns verbindet nicht nur die Begeisterung fürs Fotografieren, aber in dieser Interviewserie wird es vor allem darum gehen. Es gibt so viele unterschiedliche Wege, die man als Fotograf einschlagen kann, ob als Profi oder Amateur. Darum ist diese Artikelreihe auch unter dem Schlagwort Inspirationen zu finden.

Beginnen möchte ich mit einem sehr guten Freund, der vor über zwölf Jahren nach Australien ausgewandert ist.

Fotonanny: Jens Uwe, ich vermisse unsere gemeinsamen Fotospaziergänge, aber es ist toll, dass wir uns in all den Jahren nicht aus den Augen verloren haben - Internet sei Dank.




Wir kennen uns seit
...einer Zeit, als das Internet in der Kinderwiege lag, und ich das grafische Muster von Jacs Telefonnummer erinnerte, wenn ich die Tasten drückte.

Wir haben uns kennengelernt durch
...meine Leidenschaft für Fotografie, entdeckt auf einer Australienreise, entwickelt mit Hilfe des Fotoclubs Ost in München.

Du fotografierst...
seit 1995.

analog: früher – meine Analogkamera führt nun ein Schattendasein in einer Schublade.
digital: gelegentlich – nicht mehr so viel wie früher, da ich derzeit fast all meine Freizeit in meine Website investiere.
mit dem Smartphone: gelegentlich – früher hatte ich eine Kompaktkamera für jene Momente dabei, in denen ich „Ach, hätte ich doch...!“ dachte. Nun nutze ich mein iPhone.

Derzeit fotografierst du
...rein privat und für meine Website. Ich möchte möglichst unabhängig von Bildrechten sein, daher versuche ich, so viele Bilder wie möglich selbst zu machen.


Hast du immer mit der gleichen Intensität/Begeisterung fotografiert oder gab es Phasen, in denen du darüber nachgedacht hast, das Fotografieren ganz aufzugeben?

Meine Zeit für Fotografie ist umgekehrt proportional zu der Zeit für meine Website. Bevor ich eine online Gemeinschaft hatte, fotografierte ich mehr und leidenschaftlich. Seit ich mich um fast 7.000 Abonnenten kümmern muss (möchte!) hat sich mein Schwerpunkt verschoben. Aufgeben werde ich die Fotografie aber nicht, denn ich mag kreative Medien und entdecke derzeit immer neue Ebenen im Web. Fotografie ist ein fester Baustein in meinem kreativen Schaffen.

Manche Australier kommen bei
meinen Bildern auf den Geschmack...

Wie war das, als du mit dem Fotografieren angefangen hast und wie ist es heute?

Damals war alles neu und aufregend. Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich zum ersten mal meine brandneue SLR im Park um die Ecke ausprobiert habe. All die verschiedenen Modi, Objektive, und die Theorie waren faszinierend. Heute ist es mehr Mittel zum Zweck.




Die letzte Canon habe ich mir gebraucht gekauft, und ich habe schon wieder vergessen, wie ich die Belichtungskorrektur manuell auf „0“ zurück setzen kann, so dass sie derzeit etwas unterbelichtet...

[Fotonanny: Kriegst eine Mail von mir...]

Ich fotografiere weniger aus Spass, mehr, um ein bestimmtes Bild zu bekommen, das in einen Themenbereich meiner Website passt. Ich bin sozusagen mein eigener Kunde.

Das hier ist ein typisches Auftragsbild für mich selbst. 'Koori' wird in New South Wales gesprochen, und ich machte dieses Bild, um es auf einer meiner Seiten über Aboriginal Sprachen zu verwenden.


Ich vermisse es, Diashows zu entwickeln und zu präsentieren. Das war ein schönes kreatives Feld, mit dem ich Menschen in meinen Bann ziehen und über ein Thema informieren konnte. Leider schlafen meine Projektoren nun einen tiefen Winterschlaf, und mein fast-patentierter Diavorheizer ist nun obsolet...

[Fotonanny: Ich habe meine schon vor Jahren verkauft und viel Geld dabei verloren...]

Was machst du heute fotografisch – was ist dein aktuelles Projekt?
Wie erwähnt fotografiere ich für meine Website, auf der ich über die Kultur der Australischen Ureinwohner informiere. Üblicherweise besuche ich Veranstaltungen, um neue Motive zu bekommen.

Im Januar war ich Gast bei einem privaten corroborree, bei dem Aborigines aus ganz New South Wales zusammen kamen um ihre traditionellen Tänze zu präsentieren. Das war nur für ihre eigene Gemeinschaft, nicht für Touristen. Es war toll, die Energie zu spüren, und eine Herausforderung, ohne Stativ im schwindenden Licht die Tänzer durch den aufgewirbelten Staub zu fotografieren.


Mit f5.6 und 1/15 Sekunde bin ich ohne Stativ am Limit, doch in diesem Fall verstärkt die fehlende Schärfe das Erlebnis einer staubigen Tanzveranstaltung in der Dämmerung. Zufällig drückte ein weiterer Fotograf hinter der Gruppe gleichzeitig auf den Auslöser - mit Blitz, was meinem Foto zugute kam.

Smartphonefotografie: (wie) setzt du sie ein?
Ausschließlich spontan. Wenn ich ein tolles Graffiti sehe, eine Katze in der Sonne, einen Moment, den ich festhalten möchte. Meist lösche ich viele dieser Bilder später, wenn ich mit etwas weniger Gefühl das Bild nochmals betrachte. Es hilft aber, diese Momente in meinem Gehirn zu verankern.

Wann hast du dir zuletzt eine neue Kamera gekauft und warum?
Die gebrauchte Canon – das war irgendwann in 2015. Es war eine gute Gelegenheit, auf das nächste Modell aufzurüsten.

Was empfiehlst du Menschen, die noch nicht so lange fotografieren, und ihre fotografischen Kenntnisse/Fähigkeiten verbessern wollen?
Ich habe viel von den Bildbesprechungen in Magazinen gelernt. Setze dir keine Grenzen, probiere alles einmal aus – heutzutage kostet das nur Speicherplatz. Sei kreativ und limitiere dich nicht. Als ich damals Bilder für einen „Technik“ Wettbewerb fotografierte, hatte ich meine halbe Küche im Wohnzimmer und Farbdias in meinen Projektoren. Sei ungewöhnlich, und lasse dich nicht von gewöhnlichem Feedback entmutigen. Folge deiner Intuition. Es gibt eine Nische für dich, in der du leuchten wirst. „Fotogra viel!“


Fotografie lehrte mich,
immer wieder auf Details zu achten –
sonst hätte ich diesen Alien nie bemerkt.

Welche fotografischen Kenntnisse oder Fähigkeiten würdest du selbst gerne verbessern?
Große Kontraste fordern mich noch immer heraus – entweder ist das Bild über- oder unterbelichtet. Wie machen die Leute das nur? Und manchmal vergesse ich, den Kameramodus zurück zu setzen und ärgere mich über dutzende Bilder, die unterbelichtet sind.

Was gibt es sonst noch so zu erzählen?
Fotografie hat mir nicht nur die Augen geöffnet und mich gelehrt, die Welt mit anderen Augen zu sehen, Kontraste wahrzunehmen, Ungewöhnliches zu entdecken, über Details zu schmunzeln und meine eigenen Designs zu verbessern. Fotografie hat mir auch eine treue, wertvolle Freundin beschert, mit der ich mich immer verbunden fühlen werde, egal wo wir auf dieser Welt auf den Auslöser drücken.

 


Wo kann man mehr über dich erfahren und mehr von deinen Bildern sehen?
Online natürlich: www.CreativeSpirits.info Gehe auf die „About“ Seite und sag‘ Hallo!

[Fotonanny: Dort erfährt man übrigens auch, dass die Australische Nationalbibliothek die Inhalte von Jens-Uwes Webseite regelmäßig archiviert, weil sie zu einem "wichtigen Bestandteil des nationalen kulturellen Erbes” geworden ist. Wenn das keine Anerkennung ist für jemanden, der das alles weitgehend ehrenamtlich macht! Wow!!!]

Donnerstag, 8. Juni 2017

Fotoprojekt: Fahrräder
















Am kommenden Wochenende wird "das Fahrrad" zweihundert Jahre alt. Am 12.06.1817 fuhr Karl Drais in Mannheim zum ersten Mal auf seiner Laufmaschine, daraus entwickelte sich eine Revolution der individuellen Mobilität, die uns gar nicht so bewusst ist. Für uns ist es einfach selbstverständlich, Radfahren zu lernen, und uns mit diesen einfachen und doch so soliden Fahrzeugen durchs Gelände zu bewegen. Fahrradfahren ist angeblich sogar effizienter als jede andere Art der Fortbewegung, sogar als das Laufen. Stimmt: Im Fitnessstudio verbrauche ich auf dem Laufband viel schneller Kalorien als auf dem Fahrrad-Ergometer!

Einhundert Kalorien geben einem Radler die Kraft, um drei Meilen (~ knapp fünf Kilometer) zu fahren, ein Auto schafft damit gerade mal 85 Meter!

Über die Ursachen des Klimawandels kann man geteilter Meinung sein, aber angesichts der hässlichen Abgaswerte von Autos (hust!) plädiere ich ebenfalls fürs Radfahren in der Stadt, wo immer es geht. Dabei gilt mein Respekt all denjenigen, die sich rücksichtsvoll verhalten und immer noch selber in die Pedale treten, obwohl die E-Bikes und Pedelecs im Vormarsch sind. Bei uns vor dem Haus entsteht gerade ein neuer Fahrrad-Unterstellplatz mit Stromanschluss. Zeichen der Zeit... Solche Dinge sind immer ein Foto wert, manchmal auch zwei. 


Dass Frauen anfingen Hosen zu tragen, ist übrigens auch ein Nebeneffekt dieser Erfindung, denn mit den weiten Röcken von damals war es überhaupt nicht einfach, ein Rad zu benutzen. Ich erinnere mich noch gut an das bunte Netz am Hinterrad des Fahrrads meiner Mutter. Wie haben sich die Zeiten seitdem geändert. Die Netze gibt es immer noch - für alle, die sie brauchen.




Dieses Jubiläum ist der perfekte Anlass für den Beginn oder die Präsentation eines selbstbestimmten ;-) fotografischen Langzeitprojekts zum Thema "Fahrräder". Für mich sind diese Motive schon seit Jahren ein beliebtes Sammelthema, in allen Variationen: Mitzieher, Fahradklingeln, abgestellte Schönheiten, Marodes, Rostiges, Kurioses und andere interessante Details...


Ich könnte mir vorstellen, dass in fast jedem Fotoarchiv bereits Motive mit Fahrrädern herumliegen und bisher vielleicht noch nie den Weg in die Welt gefunden haben. Dabei ist das Thema eigentlich genauso interessant wie #foodporn, zumal das moderne Fahrrad mittlerweile hip und zum Statussymbol geworden ist.





Veranstaltungstipp
Wer sich einen Eindruck über die Vielfalt moderner Räder verschaffen möchte, kann am kommenden Wochenende zur Münchner Radl-Parade aufbrechen, Ähnlichkeiten zum traditionellen Trachtenumzug wie bei der Wiesn sind dabei durchaus angedacht. Am Samstag um 14 Uhr startet der Zug am Prinzregentenplatz und bewegt sich Richtung Altstadt.

Mittwoch, 7. Juni 2017

Polemik - Ja oder Nein?

Warnung: Dieser Artikel enthält Anteile von Polemik. Fotomarathonallergikern wird empfohlen, diesen Beitrag zu meiden. Wer trotzdem liest, ist für Risiken und Nebenwirkungen selbst verantwortlich ;-)
















Kurz vor dem Wochenende erschien eine "kleine Polemik" wider den Fotomarathon, in der sich ein Autor über "Rudel von Fotoamateuren" echauffierte, die "durch deutsche Städte hetzen", für fremdbestimmten Stress auch noch Geld bezahlen, und am Ende austauschbare Schnappschüsse abliefern. In einem Satz zusammengefasst lautet die Botschaft in Etwa so: Wer an einem Fotomarathon teilnimmt ist doof.  So banal darf es natürlich nicht klingen, das wäre ja Erstklassler-Niveau. Deshalb zeigt der wissende Verfasser dem verblendeten Fotomarathonisten am Ende des Artikels wohlmeinend Alternativen auf: die Selbstbeauftragung - selbstbestimmte Arbeit an persönlichen Langzeitprojekten. Davon haben die Leute, die sich zu einem Fotomarathon anmelden, garantiert noch nie im Leben etwas gehört. Der beiläufig empfohlene Blende-Fotowettbewerb ist ebenfalls ein Highlight in Sachen originelle Ansichten. Dort gab es noch nie Bilder von Eisvögeln, Kaputte-Gebäude- und Rostige-Maschinen-Fotos, ehrlich!

Polemik entspricht dem aktuellen Zeitgeist und sie kommt gut, denn sie sorgt für höhere Auflagen beziehungsweise für mehr Klicks, und mediale Aufmerksamkeit ist die Währung unserer Zeit. So ist der Beitrag bei Photoscala nach wenigen Tagen der am häufigsten kommentierte. Nun freue auch ich mich auf die erhöhten Zugriffszahlen in meinem Blog und etwaige Hasskommentare.

"Der Polemiker sucht nicht zwingend den Konsens, sondern versucht im rhetorischen Wettstreit seinen Argumenten zum Durchbruch zu verhelfen."
Sinnverwande Begriffe sind Agitation, Demagogie, Disput, Kritik, Parodie, Spott und Verriss. (Wikipedia)

Mit sachlichen Argumenten auf Polemik zu antworten ist sinnlose Zeitverschwendung. Ausgleichende Rhetorik zieht sowieso nicht gut. Ich wäre außerdem dämlich, so eine Chance an mir vorbeiziehen zu lassen! Jetzt ist der Moment gekommen, in dem wir uns alle wichtig machen können. Lasst uns also eine Welle lostreten, die eine Flut von Artikeln und Kommentaren über das Für und Wider des Fotomarathons auslöst. Lasst uns dabei vom Hundertsten ins Tausendste kommen, uns mit Objektivdeckeln bewerfen und die Disziplinen Kameraweitschleudern und Einbeinstativ-Limbo einführen. 

Fotografie ist Sport! 
Das hat sich in konservativen Kreisen einfach nur noch nicht herumgesprochen. Wer das teuerste Objektiv beim Weitschleudern am schönsten schreddert, ist ein Siegertyp! Die Regeln des Fotomarathons 4.0 besagen, dass es erlaubt ist,  all die Hobbyisten umzurempeln, die schneller zu einem Motiv rennen können als man selbst (Rugby-Variante). Die Jury vergibt Haltungsnoten für den schönsten Sturz kurz vor Erreichen der Ziellinie (Kür). In Vorbereitung ist ein Download-Link (kostenlos und völlig nichtkommerziell!), wie man aus einem gewöhnlichen Dreibein-Stativ eine professionelle Stolperfalle baut, und aus dem Kamera-Tragegurt ein Lasso knüpft. Beide Hilfsmittel sind erlaubt, um lästige Konkurrenten am Erreichen des Abgabeterminals zu hindern. Dopingkontrollen werden stichprobenartig durchgeführt. Die Einnahme von Aufputschmitteln wie Kaffee oder Energy-Drinks während eines Fotomarathons sind definitive Ausschlusskriterien. Wer bei einer Rauchpause oder mit alkoholhaltigen Getränken (Biergarten!) erwischt wird, oder gar den verbalen Motivationsaustausch mit anderen Marathonisten sucht, wird mit dem fünfjährigen Langzeitprojekt "Ich poste jeden Tag ein Bild auf Facebook" bestraft.

So setze ich die Teufelshörner auf, bezeichne den Artikel als "Verbales Blendwerk in der Kategorie Viel Wind um nichts" und freue mich auf den Fotomarathon München. Hier werden die Juroren gemeinsam mit den Organisatoren kistenweise Champagner trinken und sich wie jedes Jahr gnadenlos besaufen, weil sie sonst gar nicht wüßten wohin mit den ganzen Startgebühren. Die Dopingregeln gelten natürlich nur für Teilnehmer, denn jetzt ist endlich Zeit für mehr Gerechtigkeit. Ach so, falls mich jemand bestechen möchte, hier ist der Link zu meinem Paypal Account.